Interview: Gitarre Aktuell

Colin Wilkie



 

Colin Wilkie

Songwriter blühen oft im Verborgenen. Aber sie waren und sind auch noch heute die tragende Säule der Liedermacherszene, und wenn sie ihre Stücke nicht selbst vortragen, sind sie die Zulieferer für die Interpreten. Mit ihren Texten spiegeln sie die Gesellschaft, politisch, ökologisch sozial oder wie auch immer. Und durch ihre Musik schmieden sie oftmals auch Gegensätzliches zusammen.

Hannes Wader sang gerade auf seiner letzten Live-CD das Lied eines Liedermachers, dessen Stücke von allen möglichen Künstlern gespielt werden.

Dafür gibt es ein Dokument. Eine ganze Reihe von illustren Namen aus der Folk- und Liedermacherszene liest man auf dem "pläne"-Album 'I wish I'd written that song', wie etwa Reinhard Mey, Werner Lämmerhirt, Franz-Josef Degenhardt, wieder Hannes Wader, Julian Dawson, sogar Bill Ramsey, Anne Wylie, Ray Austin, Le Clou, Tony Ireland, Liederjan, Joana, Yannick Monot und anderen. Sie brachte man auf dieser Platte zusammen, um einen Querschnitt durch das Schaffen Colin Wilkies, denn um ihn geht es hier, mit einem Tribute, zu präsentieren. Also ein Best-Of-Album, auf dem die Songs von guten alten Freunden und Weggefährten in der ihnen eigenen Art interpretiert werden.
Der Song wird losgelöst vom Komponisten und erhält durch die neue Darbietung eine andere Dimension.



Biographisches.

Colin Wilkie, 1934 in Süd-London geborener 'Euro-Reisender' in Sachen Folk, beginnt seine Karriere mit jungen zwanzig Jahren und einer alten spanischen Gitarre. Der Folkboom der 60er und das Zusammentreffen mit Shirley Hart sind der Beginn einer langen Tour- und Schallplattenkarriere.

Von England über Frankreich nach Deutschland führen ihre unzähligen Auftritte, und hier erst, 1967, tauschen Wilkie und Hart ihr Rucksackleben gegen eine feste Wohnung. Grund ist Wilkies Arbeit für das Theaterstück 'Leben und leben lassen' am Stuttgarter Staatstheater, für das er die Texte von Franz-Josef Degenhardt vertont.

In den Jahren veröffentlicht Wilkie solo, mit Shirley Hart und anderen zahlreiche Alben (siehe Diskographie) und lernt auch all jene Musiker kennen, die ihm dann später das Tribute-Album gewidmet haben.



Colin Wilkie im Gespräch

Mr. Wilkie, lassen Sie uns in der Gegenwart beginnen. Sie sind immer wieder mit Werner Lämmerhirt, Wizz Jones und Klaus Weiland unter dem Motto 'Das Gitarrenfest' unterwegs. Wie kam es zu dieser Wiedervereinigung mit den alten Weggefährten?

Detlef Lüthje vom Bremer Konzertbüro hat uns zu viert auf Tournee geschickt. Das war eine glorreiche Idee. Wir sind alle sehr alte Freunde. Ich kenne Wizz noch aus den Tagen in Paris, als ich mit Shirley noch auf der Strasse gesungen habe und natürlich aus der britischen Szene. Werner und Klaus habe ich später in den 60er Jahren in Deutschland kennengelernt. Jeder von uns respektiert die Arbeit des anderen, ob als Gitarrist, Entertainer oder Songwriter. Deshalb klappt es so gut auf der Bühne und auch hinter der Bühne, was sehr wichtig ist, wenn man so lange gemeinsam tourt. Von mir aus könnten wir diese Tournee dreimal oder viermal pro Jahr machen, weil es wirklich ein Erlebnis ist, mit diesen Musikern unterwegs zu sein.

Sie engagieren sich nach wie vorfür politische Ziele, wie jetzt durch Ihre Mitwirkung auf dem Doppelalbum 'Donaumusik'. Was hat Sie bewogen mitzumachen?

Ich mache mir seit Jahren Sorgen über unseren Planeten und darüber, wie wir ihn behandeln. Ich habe sehr viele Lieder darüber geschrieben. Deshalb sang ich auch mit meinem Sohn Vincent in Wackersdorf, deswegen sang ich mit meiner Frau Shirley in Grossbritannien und auch in Deutschland bei Ostermärschen und vor allem gegen Atomwaffen. Wir haben überall gegen diesen Blödsinn gesungen. Als Sandy Wolfrum (Feelsaitig) mich angerufen hat und mich fragte, ob ich mitmachen möchte bei dem Projekt 'Donaumusik', habe ich sofort ja gesagt und dann das Lied 'The day the river died' speziell für dieses Album geschrieben. Wir haben nicht so viel Macht wie diese Politiker, aber man kann nicht einfach auf seinem Arsch sitzen und sagen, das gefällt mir nicht. Ab und zu muss man auch aufstehen und etwas tun.

Immer noch gehören Sie zu einer festen Institution der Liederszene. Wie viele Auftritte pro Jahr spielen Sie?

Ich bin von Natur aus das, was ich gemütlich nenne. Andere nennen das wahrscheinlich faul. Deshalb spiele ich pro Jahr so viele Auftritte, dass meine Familie und ich gut leben können, dass wir immer gut essen können oder Bücher kaufen können. Aber ich spiele nicht so viele Auftritte, dass wir in Südfrankreich ein Haus bauen könnten.

Reinhard Mey, Hannes Wader und viele mehr nennen Sie als ihren Ziehvater. Haben Sie noch Kontakt zu den Kollegen?

Ja, wir sind immer noch in Kontakt miteinander. Zu den Kollegen in Grossbritannien, USA oder Kanada haben wir Briefkontakt. Und wenn jemand nach Deutschland kommt, dann kommt er vorbei und übernachtet bei uns. Die alten Freunde aus Deutschland sehe ich logischerweise öfter. Aber leider nicht oft genug, wegen unserer Arbeit. Man trifft sich bei Festivals oder Konzerten. Die Freundschaften bleiben ungebrochen. Wenn ich an die CD 'I wish I'd written that song' denke, die mein Sohn Vincent heimlich organisiert hat, und auf der alle meine Freunde einen Titel von mir gesungen haben, dann hat mich das wirklich bewegt.

Unzählige Liedermacher, Singer-Songwriter wie Liederjan. Feelsaitig, Hannes Wader u. v. a. covern Ihre Titel. Sind Sie mit den Versionen immer einverstanden?

Es ist für mich ein grosses Kompliment, wenn jemand ein Lied von mir singen möchte. Es ist auch sehr interessant, wie ein anderer meine Lieder interpretiert. Ob ich mit der Version immer einverstanden bin? Was soll ich dazu sagen? Lieder sind doch wie Kinder, ja, es sind doch meine Kinder! Und Kinder müssen frei sein. Man darf nicht sagen, du musst in diese oder jene Richtung gehen. Sie müssen ihre eigenen Wege finden und gehen.

Man weiss, dass Sie es nicht mögen, als lebende Legende bezeichnet zu werden. Warum nicht?

Ich glaube, ich mag das nicht, weil ich Angst habe, wenn ich das zu oft lese oder höre, dass ich es langsam selber glauben werde.

Sie haben unzählige Lieder geschrieben. Gibt es noch etwas, worüber Sie unbedingt noch schreiben wollen?

Sicher!

Sie sind viel mit Shirley Hart aufgetreten, die ja längst Ihre Ehefrau ist, singen Sie noch zusammen?

Ja, aber nur unter der Dusche oder wenn wir Karten spielen.

Vielen Dank für das Gespräch. Eine letzte Frage noch: Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich habe keine Pläne, ich habe niemals Pläne gemacht und auch niemals gemocht. Ich bin wahrscheinlich ein natürlicher Chaot.



→ aus: Gitarre Aktuell


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