Presseartikel: Gärtringen

Colin Wilkie



 

Very British: Das kauzige Lästermaul Colin Wilkie in der Gärtringer Villa

Mit Witz, Ironie und viel Melodie

Freche, melancholische, sehr persönliche und oft auch sehr witzige Lieder, gespickt mit 1000 kauzigen Geschichten - das sind die Spezialitäten Colin Wilkies. Nun war der britische Songwriter, der seit vielen Jahren in Deutschland lebt, in der Gärtringer Villa Schwalbenhof zu Gast.

Eine Band braucht der Folksänger und Fingerpicker aus London nicht, um zu unterhalten - er tut es mit Witz und Melodie, ätzt auf der Bühne, dem Mikrofon gegenüber, die Gitarre auf den Knien. Seine Stärke liegt im Erzählen von Geschichten, mal in Liedform, mal als Anekdote.
Letzere bringt er in einem kuriosen englischschwäbischen Sprachgemisch, das alleine Schon hörenswert ist. "Ich habe damals überhaupt keine Pläne gehabt, in Deutschland zu bleiben", erzählt er, "ich bin einfach hängengeblieben." Das ist mittlerweile 34 Jahre her: 1966 kam Wilkie nach Stuttgart, "um für Franz Josef Degenhardt Melodien zu schreiben." Es gibt eine "Tribute- CD" mit Wilkie- Songs - darauf klimpern alle möglichen Leute, die Colin Wilkie irgendwann Einmal auf die Finger schauten, (nicht nur) Degenhardt, auch Hannes Wader, Reinhard Mey und viele mehr. "I wish I'd written that song" heisst die Scheibe - und wenn Wilkie zu singen beginnt, weiss man, weshalb. Seine Songs haben klare, meist eindringlich melancholische Melodien. singt sie mit kraftvoller, weicher Stimme begleitet sich gekonnt auf, der Gitarre, und sie handeln, natürlich, immer wieder von Beziehungen, die zu Ende gehen, von Frauen, die verlassen werden ("It's cold she said") oder von Liedermachern, die bei schlechtem Wetter den Laufpass bekommen: "Snowy city scenery always bring's me down."

Steine ins Schaufenster

"The Nightcafe" ist ein Stück zu einem Bild Vincent van Goghs, ein Blues der von lauter Absinth- trinkenden Gespenstern handelt, vom "Horror in the head", vom Barspiegel - in ihm sieht Wilkie "the eyes of the living dead." Und "Painfully Sad" ist ein Song über van Gogh ohne Ohr. Der Maler, das ist offensichtlich, hat es dem Sänger angetan. So sehr, dass er nach Arles fuhr und Steine ins Schaufenster eines Supermarkts warf, der an der Stelle errichtet wurde, an der früher das Nachtcafé stand. Aber dafür gibt es auch noch andere Gründe: "Wir sind Briten. Wir dürfen das. Sonst denken die Franzosen noch, wir mögen sie."
Wie um die Melancholie seiner Lieder wettzumachen, gibt sich Wilkie beim Erzählen gerne als kauziges Lästermaul. Nicht nur gegen Franzosen stänkert er an - auch gegen Briten, und gegen Deutsche. Zumindest gegen jene, die etwas für die Monarchie übrig haben: "Ihr habt genau das Richtige gemacht", verkündet er seine Meinung in punkto Royals, ihr habt sie abgeschafft. Und jetzt kauft ihr euch Bilder von unseren!"
Autofahrer kommen auch nicht gut weg, dito die fahrbaren Untersätze selbst - beim einzigen Song des Abends, der nicht von Colin Wilkie selbst geschrieben wurde, sondern von Woody Guthrie. Das Publikum darf den Refrain brummen, während der Sänger seine verflossenen Kraftfahrzeuge vorbeiparadieren lässt: "Ein 2CV ist kein Auto. Das ist ein Goldhamster mit vier Rädern dran. Ich fahre nicht VW. Ich fahre Mercedes. Weil ich ein Künstler bin..."

Colin Wilkie schwärmt nicht nur hartnäckig von van Gogh, obwohl der Maler mittlerweile Kult ist ("Fan klingt echt doof, gell?") - er hat auch mit Begeisterung Harry Potter gelesen, sämtliche Bände. Ich fand es nur ein bisschen traurig", sagt er, "dass sie ihn in Deutschland nicht Heinrich Töpfer nannten." Auch ein gewisser Eppilein von Gailingen hat seinen festen Platz in Colin Wilkies privatem Pantheon. Dieser Eppilein war Raubritter und hatte "sein Büro", wie Wilkie sich ausdrückt, in der Nähe von Nürnberg, vor rund 500 Jahren. In Nürnberg sollte Eppilein gehängt werden - "Das war noch keine so große Stadt, damals, nur ein paar Wurstfabriken und eine Spielzeugfabrik und ein paar Häuser drum herum ... Der Ritter entwischte listig dem Galgen und Colin Wilkie, wenn er von ihm singt, klingt gar nicht mehr sanft und melancholisch, sondern reichlich wild und kämpferisch.


Von Thomas Morawitzky


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