Interview: Folker!

Colin Wilkie



 

One more city - One more song


Colin Wilkie: Der britisch-schwäbische Singer/Songwriter genießt den Lebensherbst

Im Grunde ist ihm der Blick zurück, die Frage, ob er gern zurück schaut, "scheißegal". Denn: "Ich habe gelebt, wie ich wollte. Und wenn ich meckere, sagt Shirley immer: Du hast keinen Grund! Du hast getan, was Du wolltest."
Colin Wilkie ist kein Mensch, der sich zurücklehnt und sentimental Bilanz zieht. Und genauso wenig wie er sich in guten alten Zeiten verliert, taucht er in vage Zukunftsträume. Der britische Singer/Songwriter, der gemeinsam mit seiner Frau Shirley Hart mehr als sein halbes Leben mitten im Schwabenland lebt, ist ein Gegenwartsmensch, der das geniesst, was ihm das Leben gerade hier und jetzt beschert. Ob er 40, 50 Jahre oder älter wurde - interessiert hat ihn das nie.

Colin Wilkie ist nicht irgendwer. Bereits in England hatte er in der Folkszene einen klangvollen Namen. Dabei kam Colin im Grunde zufällig zum Folk. Mit 18 hatte er Schlagzeug gelernt, in Jazzbands und in Skiffle-Gruppen getrommelt. "Fast vor dem ersten Weltkrieg", kokettiert er heute. Kurz vor dem Rock'n'Roll, Colin war schon 24 Jahre alt, zeigte ihm der Jazz-Banjospieler seiner Band ein paar Gitarrengriffe. Colin lernte ein paar Lieder, die er als Kind schon mit den Eltern und dem Onkel gesungen hatte, Lieder, die man im Volk sang - so gesehen "Folk". Nach einer Gesangsprobe im Folkclub Sutton durfte er jede Woche singen. Bald war es auch in anderen Clubs so, und dann machte Colin mit Freunden seinen eigenen Folkclub auf und hatte noch eine Bühne. Alex Campbell holte ihn immer wieder zu sich auf die Bühne und weckte so Colins Ehrgeiz, immer neue Lieder zu singen. Schliesslich mußte er nicht mehr als Anzeigenwerber oder Farbdosenverkäufer von Tür zu Tür ziehen. Colin staunt heute noch darüber: "Ich hoffe, dass niemand die Songs aufgenommen hat. Ich konnte nur minimal spielen und nicht besonders gut singen. Irgendwie hab ich es geschafft - wahrscheinlich mit meiner angeborenen Londoner Frechheit."

Gibt es keine deutschen Lieder?

Im Folkclub Sutton fiel ihm eine kleine quirlige Sängerin auf: Shirley Hart. "Ich war total überwältigt, eine wahnsinnige Stimme, ein tolles Lied - ich wollte den Text haben." Shirley ging nach Paris. Als sie zurück nach London wollte, bat sie Colin, ihr ein paar Auftritte zu besorgen. Colin bot sich ohne Shirleys Wissen den Veranstaltern gleich mit an: quasi als Doppelpack ("Wir sind jetzt ein Duo.") Shirley war überrascht, dass Colin "zufällig" auch immer dabei war. Erst vor vier/fünf Jahren hat er ihr davon erzählt. Noch früh genug, um gemeinsam darüber zu lachen. Aus zwei Solisten mit unterschiedlichem Repertoire (sie die traditionelle Folksängerin, er der auch für Pop zu begeisternde Singer/Songwriter) wurde ein Duo.

Gemeinsam gingen sie wieder nach Frankreich, machten Strassenmusik, ab und zu noch in England Clubtourneen, spielten in den Niederlanden, in Belgien, der Schweiz - eben one more city, one more town. Und one more song. Der deutsche Student Siegfried Maeker, der spätere Manager von Liedermachern wie Hannes Wader, hört sie 1962 in Frankreich abends im Dunkeln von seiner Terrasse aus, als beide singend einen Hügel herab kamen und lud sie nach Deutschland ein. "Ich glaube es zwar nicht - aber ich möchte es glauben. Es ist eine schöne Geschichte..." grinst Colin. So fand man sich in der Bonner Beethovenhalle wieder, der "guten Stube" der damaligen Bundeshauptstadt.
Ausser Shirley und Colin waren alle auftretenden Künstler Deutsche, die auf jiddisch, auf griechisch oder spanisch sangen oder amerikanische Countrymusik machten - nur deutsch sang niemand, was Shirley und Colin irritierte. Peter Rohland lud sie nach Berlin ein zu einem Jamboree. Dort lernten sie Franz-Josef "Karratsch" Degenhardt kennen, Reinhard "Karlchen" Mey, der mit Schobert und Schoberts Schwager französische Chansons sang, und Katja Epstein, die in einer anderen Gruppe spanische Lieder sang. Als dann die Zwillinge Hein und Oss Kröher "Wir Bettelleute haben's gut" anstimmten, waren sie erleichtert: "Endlich deutsche Volkslieder".

Heimisch auf deutschem Land

Doch nicht jeder Künstler, der in Deutschland auftritt, bleibt hier. Der Zufall half nach - und Shirleys und Colins Art, in den Tag hinein zu leben. Karratsch hatte keine Lust, für das Stuttgarter Staatstheater zu einem englischen Stück kurze Lieder zu schreiben. Schließlich stimmte Degenhardt unter der Bedingung zu, dass Colin die Vertonung der Texte übernahm. "Okay", willigte Colin ein. Weil er sich dann aber damit zuviel Zeit ließ, musste er schließlich in wenigen Tagen 23 Melodien "erfinden". Der Produzent Peter Palitzsch schlug vor, dass Shirley und Colin selbst einige Lieder singen sollten. So standen sie mit Hannelore Hoger auf der Bühne. Um Shirley und Colin zu helfen, sprachen die Schauspieler von nun an mit ihnen kein englisches Wort mehr. "Das war schwer", erinnert sich Colin, "aber gut. Wir sassen drei Stunden auf der Bühne, haben beobachtet, was die Schauspieler sagten und machten, und uns daraus zusammengereimt, welche Bedeutung Handeln und Worte wohl hatten. Keine schlechte Schule."

Anderthalb Jahre lief das Stück, aber sie waren nicht jeden Abend auf der Stuttgarter Theaterbühne, so dass Zeit für andere Auftritte in Clubs blieb. Sie zogen in ein Haus auf dem Land bei Heilbronn und fragten sich zwar "was machen wir in Stockheim? - nichts weiter als Weinberge...", doch sie blieben. So wurden sie, die Großstädter, auf dem Land heimisch. "Ich denke nicht, dass ich wieder in einer Stadt leben möchte", sinniert Colin heute und genießt immer noch den Zauber der Weinberge im Zabergäu.

Fan von Pete Townsend

Colin schwärmt immer noch, wenn er von dieser Zeit spricht: Dem 68er Aufbruch. Er hat teilweise mitbekommen, was an den Unis lief, auf der Waldeck. Auch die Künstler haben diskutiert. "Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf" formulierte Degenhardt spitzzüngig. Colin bezog dies auf sich. Er ist froh, dass er die sechziger Jahre erlebt hat. Er hat namhafte Folksänger wie Phil Ochs kennen gelernt, sich sofort mit ihm verstanden, ein paar Mal mit ihm gespielt. Der topical songwriter aus den USA war für Colin "DER Songwriter" dieser Zeit: "Er war für mich unheimlich wichtig. Seine Lieder waren klipp und klar, nichts dazwischen. Dylan war wischi- waschi, außer in ein paar Liedern. Auch Paxton fand ich nicht so direkt." Ochs nahm sich 1976 das Leben.

Dass so viele Folkmusiker in Deutschland englisch singen, irische Lieder spielen - Colin versteht es bis heute nicht: "Irische Musik ist schön - aber es gibt doch genug Iren. Die können es doch besser! Warum singt Ihr nicht Eure Lieder?" - 'Ihr habt so tolle Volkslieder in England', wurde uns dann vorgehalten", erinnert sich Colin, "wir haben solche Lieder nicht, die so rhythmisch sind'. - So ein Quatsch, haben wir gesagt, der Rhythmus kommt von uns, nicht von den Liedern." Dann haben Shirley und Colin eine Fingerpicking-Version von "Der Winter ist vergangen" erfunden und mit eigenen Harmonien versehen. "Ich habe gehört, wie eine Frau gesagt hat: 'Mein Gott, jetzt singen die beiden Nazi-Lieder.' Das war sehr traurig." Colin war fassungslos. Aber dann kamen Zupfgeigenhansel und Fidel Michel, Liederjan. Endlich hatte man begriffen, dass diese Lieder nicht alle "gestorben" waren. Und dann ging die Post ab mit der Neuen Deutsche Welle. "DAF war toll", findet Colin im Rückblick, "Nena auch. Ich glaube, die haben ihre Wurzeln alle, ob sie es wissen oder nicht, in der Folkmusik." Und schon ist der bekennende Fan richtig guter Pop- und Rockmusik bei seinem Lieblingskünstler: Pete Townsend, dem Genius hinter den Who. "Wenn du den hörst, der hat ganz tiefe Wurzeln." Colin gerät wieder ins Schwärmen, sagt dann aber auch: "Ich liebe Folk, auch heute noch. Es ist eine schöne Musik - aber ich höre sie ganz selten. Ich habe sieben Jahre lang eine eigene Radiosendung gehabt, jede Woche. Ich habe soviel gehört - das reicht...."

Entertainer mit dem Schalk im Nacken

Vincent, der gemeinsame Sohn, ist neben Shirley der wichtigste Mensch in Colins Leben. Solange der Sohn klein war, zog er oft mit, wenn beide auf Tour waren. Als die Schule losging, war es nicht mehr so einfach. Eine psychische Belastung mit Folgen: Shirley bekam Stimmbandprobleme, konnte nicht mehr singen. So blieb sie daheim bei Vincent, und Colin geht seit dem allein auf Tour. Nun kommt auch das Publikum aus den sechziger Jahren wieder in die Konzerte - die Kinder sind groß. "Das ist toll. Ich habe Fans, die sind treu seit 30 Jahren." Der Colin, den diese Fans erleben, ist ein liebenswerter Kauz voller Schnurren und Anekdoten, die er live auf der Bühne zwischen seinen Liedern, aber auch zwischen seinen Auftritten beim gemütlichen Beisammensein zum Besten gibt. Er steckt voller Spässe und Clownerie, und ständig blinzelt der Schalk aus dem Hemdkragen. Im Konzert erlebt man Entertainment pur, verwoben mit gefühlvollen Songs, die ein Könner geschrieben hat. Nicht ohne Grund haben sich namhafte Liedermacher wie Hannes Wader die Mühe gemacht, das eine oder andere Lied ins Deutsche zu übertragen. Die Jahre sind vergangen. "Autumn is knocking at our door, my love" singt Colin in einem seiner schönsten Lieder schon seit Jahren. Ein Liebeslied für Shirley, mit der er den gemeinsamen Lebensherbst genießt - und den Erfolg von Vincent, der ein erfolgreicher Musiker in Deutschland geworden ist. Er macht Popmusik. Colins Fazit: "Shirley und ich, wir haben nie an morgen gedacht, immer für heute gelebt. Wir leben wie wir wollen, und wir leben ganz gut. Ich wollte nie Millionär sein - nur wie ein Millionär leben - und das tun wir."


Eine ausführlichere Version dieses Folker!-Artikels findet sich auf der Homepage des Autoren Gerd Schinkel.


PDF - Download



↑ nach oben