Interview: Akustik Gitarre

Colin Wilkie



 

Bodenständig

Er verdient sich keine Lorbeeren mit Superlativen oder oberflächlicher Effekthascherei. Colin Wilkie ist vielmehr einer der ganz Ehrlichen im Geschäft, einer jener, die ihren Job gut machen, solide und beständig, ohne sich äusseren Einflüssen und Strömungen hin zu geben.
Dies macht ihn glaubhaft und überzeugend, seit 40 Jahren, als er zu Beginn der 60er in der Londoner Club-Szene die Anfänge des Folk-Revivals mitbestimmte.

In diesem Jahr wird Colin Wilkie siebzig - wie gut dass er bis heute "ganz der Alte" geblieben ist - einer eben, auf den man sich verlassen kann - seine Songs, seine Art und seinen englischen Humor, den er sich so selten verkneifen kann.


Colin, du warst zu Beginn des Folk-Revivals am Puls des Geschehens. Welche Erinnerungen an diese Zeit hast du heute?

Das Folk-Revival hatte in Großbritannien Ende der 50er Jahre begonnen, erreichte dann während der 60er die Blütezeit. Es war eine unheimlich lebendige Szene, Shirley (Colins Frau und langjährige musikalische Partnerin) und ich haben fast jeden Tag irgendwo gespielt und waren sehr selten zu Hause. Im Gegensatz zu Deutschland gab es in England eine sehr aktive Club-Szene.
Man konnte einfach hingehen und fragen, ob man nach der Pause singen kann - und wenn du gut warst haben die Leute gesagt, du kannst nächste Woche wieder auftreten, wenn nicht, dann wurdest du eben nicht mehr eingeladen. So hatte jeder die Möglichkeit, über diesen Weg anzufangen und vor Publikum aufzutreten.

Hat sich diese Szene hauptsächlich auf den Londoner Raum konzentriert?

Nein, es war eine Bewegung, die sich über das ganze Land verbreitete, vergleichbar mit dieser Skiffle-Bewegung.

Wie verliefen die 60er Jahre dann für dich persönlich? Hattest du damals konkrete Ziele?

Wir haben nie unsere Karriere geplant, wir haben immer nur für heute gelebt.

Gab es damals schon ein Repertoire an eigenen Titeln?

Ich würde sagen, Shirley und ich spielten zunächst ungefähr 90% traditionelle Songs, dann habe ich angefangen eigene Lieder zu schreiben.

Warum habt ihr die Insel verlassen und seit aufs Festland, nach Frankreich gegangen?

Die Shirley ging zuerst, nach Paris. Wir hatten Kontakt per Brief, obwohl wir uns bis dahin nur wenig kannten. Sie hat mich dann gebeten eine Tour zu arrangieren, denn sie wollte zurückkommen, ich meine das war 1961. Ich habe also die Veranstalter angerufen und habe ihnen gesagt, dass Shirley zurückkommt und wir jetzt im Duett auftreten - und habe Gigs gebucht. Shirley hat davon nichts gewusst und sich nach den ersten Auftritten gewundert, dass wir zusammen auftraten...

Und wie seit ihr dann letztendlich in Deutschland gelandet?

Wir haben damals in Frankreich, der Schweiz und Belgien in Bars, Cafes und auf der Straße gesungen. Als wir in Haut-de-Cagnes waren, das ist eine Künstlerkolonie an der Cote d'Azur, hat uns Siegfried Maeker getroffen.
Er erinnert sich, wir seien damals singend den Berg herunter gekommen - das klingt nicht wie Colin, aber es ist eine schöne Geschichte - und er hat uns angesprochen, ob wir nach Deutschland kommen wollten. Er wollte ein Konzert in Bonn arrangieren, das war im November 1962. Wir dachten, das wird vielleicht ein kleiner Clubgig oder so was, doch es war die Beethovenhalle. Dort haben wir dann einige Kontake geknüpft und wurden zu einem Jamboree in Berlin eingeladen, wo wir Hein und Oss Kröher, Franz-Josef Degenhardt, Reinhard Mey und jede Menge anderer Leute kennen gelernt haben.
Wir waren dann zu Besuch bei Karratsch (Anm.:F.J. Degenhardt), er schrieb gerade Liedtexte für ein Theaterstück von John Arden, und wir beide waren selbst große Fans dieses wunderbaren Schriftstellers. Er sagte, ich solle die Melodien für dieses Stück machen, und ich sagte zu.
Wir konnten die Stücke im Staatstheater in Stuttgart sogar über 18 Monate live singen. Eigentlich wollten wir danach auch wieder zurück nach Frankreich, doch wir hatten so viele Termine in Deutschland bekommen, dass wir hier hängen blieben.

Colin, man kennt dich als schalkhaften Entertainer mit bissigem Humor auf der einen Seite, und anderseits deine so gefühlvollen, sensiblen und manchmal auch sehr ernsten Songs. Siehst du diesem Umstand als Widerspruch?

Ich weiß nicht. Ich war schon immer einer, der gerne Spaß und idiotische Dinge gemacht hat - aber: es gibt einen Teil von mir, der durchaus ernsthaft ist, ich kann das nicht erklären. Ich glaube ich habe nur ganze zwei witzige Lieder geschrieben, die anderen sind alle sehr ernsthaft.

Du bist also so was wie ein poetischer Spaßmacher?

Ja (lacht)! Ich bin Entertainer, vor allem Entertainer und Songwriter.

Wie wär's mit Folkbarde?

Folk ist für mich so ein komischer Ausdruck. Folk ist für mich eigentlich die traditionelle Musik aus dem Volk, doch diese Bedeutung hat sich geändert.
Wenn man heute "Folk" sagt, meint man oft akustische Musik. Wenn ich auf die Bühne gehe und John-Lennon-Stücke spiele, bin ich also Folkmusiker weil ich akustische Gitarre spiele?
Wir haben dann gesagt - das war schon vor 20 Jahren oder so - wir spielen traditionelle und zeitgenössische Lieder.
Louis Armstrong hat gesagt "Jedes Lied ist ein Folksong, denn ich habe noch nie ein Pferd singen hören". Ich weiß nicht, aber es ist sehr schwierig. Ich hasse Schubladen, obwohl man sie natürlich braucht, z.B. im Plattenladen.

Sind heute für dich die Live-Auftritte das wichtigste Element oder das Songwriting?

Ich glaube, es ist immer noch gleichrangig für mich. Übrigens ist es sehr interessant, dass jetzt wieder Leute zu den Konzerten kommen, die früher schon zu Shirley und mir kamen. Die haben jetzt wieder Zeit und Lust dazu, das ist toll.

Wie arbeitest du beim Songwriting?

Ich brauche vor allem die Musse - wenn dann jemand etwas erzählt, oder wenn ich etwas lese, das mich anregt oder aufregt, dann komme ich dazu. Oder ich habe ein Projekt wie meine Vincent-van-Gogh-Stücke, wo ich ganz gezielt Lieder über sein Leben und seine Gemälde geschrieben habe.
Ich stehe nicht jeden Tag auf und schreibe Lieder, das geht nicht bei mir - vielleicht bei Dieter Bohlen...

Colin, du bist Flatpicker und Fingerpicker, und man sieht dich seit Jahrzehnten immer mit der selben Gitarre...

...ja, meine alte Bailey, die ist 38 Jahre alt. Ich habe neulich den John Bailey wieder gefunden, im Internet war eine Website von jemanden, der auch eine Bailey hat, und über einen Link bin ich an John's Telefonnummer gekommen. Er hat mir diese Gitarre 1965 genau nach meinen Wünschen gebaut; ausserdem habe ich noch eine 12-saitige Gitarre und zwei Dulcimer von ihm. Bert Jansch, Martin Carthy, John Pearse, Eric Clapton und viele andere hatten Akkustikgitarren von Bailey, aber er baut schon lange keine mehr.

Wie nimmst du deine Gitarre ab, und spielst live über deine eigene Anlage?

Ich war früher Schlagzeuger und ich habe mir gesagt, ich möchte nie mehr soviel aufbauen müssen. Daher benutze ich immer die Anlage des Veranstalters und nehme mit dem Mikro ab.

Ausser deinen Solo Auftritten sieht man dich regelmässig mit Wizz Jones...

... oh ja, manchmal spiele ich mit Werner Lämmerhirt, mit Wizz spiele ich aber wirklich auch zusammen. Wir sind beide Solisten, haben dann aber auch einen Teil, in dem wir zusammen spielen und singen.
Ausserdem mache ich diese schönen Projekte mit Ulrike Maushake - Lesungen mit Musik. Wir haben vier Programme: Vincent van Gogh, das sind alles meine Lieder, dann Robert Burns, da singe ich seine Lieder, und wir haben ein Programm über Cornwall und die Leute die dort gelebt haben, wie beispielsweise Virginia Woolf, hier singe ich traditionelle Lieder aus dieser Gegend. Unser neuestes Programm ist zum Thema Irland. Das alles macht mir sehr viel Spaß - obwohl ich da nicht viel quatschen kann auf der Bühne (lacht).

Gibt es heute Pläne für die Zukunft?

Ja, morgen werde ich den Observer kaufen - sonst gibt es keine Pläne - oder doch: Für Oktober 2004 ist eine Tournee mit Peter Ratzenbeck in Österreich geplant, ich freue mich schon.


Ralf Bauer (erschienen in Akustik Gitarre 2/04)


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